
"OMG! It's sooo big!"
Ok, Uschi und Rolf wollen ihr Sexleben aufpeppen und suchen "Black Boys".
Nun gut. Kann ja sein, dass ich mich irre; dass Sex mit dem Ausleben von Fantasien zu tun hat, jeglich denkbare Fantasie dafür herhalten darf. Kann sein, dass unter der Bettdecke rassistische Vorstellungen von sexualisierter Exotik in Sehnsucht, Leidenschaft und zwangloses Rumvögeln umgewandelt werden. Kann gut sein, dass davon einige profitieren und das Schlafzimmer in eine political correctness-freie Heterotopie* transformiert wird, die mit dem Anzünden der obligatorischen Rauchware danach verpufft. Ich würde das absolut unterschreiben, wenn da nicht ein so bitterer Nachgeschmack wäre.
Pornographie ist ja quasi das Spiegelbild männlicher Fantasien. Sexualisierte Objekte erfüllen die ihnen erdachte Aufgabe durch stereotype Präsenz. Besonders schwarze Menschen werden in der gegenwärtigen Medienkultur auf ihre Körperlichkeit reduziert. Das ist auffällig, aber keineswegs neu. Folgende Wortwahl ist Reproduktion dieser Tatsache. Wenn die Adult-Entertainment Industrie also sogenannte "Interracial Porn"- Szenen produziert, in denen ein schwarzer Mann (genannt "schwarzer Monsterschwanz", wahlweise plural) Sex hat, mit jungen weißen Frauen (aka "Teenie-Girls", in der Beschreibung meist unmarkiert), dann müssen wir davon ausgehen, dass dies eine direkte Reproduktion der Fantasien einer beachtlich großen Gruppe Menschen ist.
Du darfst mir gerne antworten, diese Fantasie basiere nur auf sportlich-handwerklichem Interesse an der Belastbarkeit menschlicher Physis, aber der Vergleich zum weißen Super-Gau Angst-Szenario: "Vergewaltigung der eigenen weißen Ehefrau/Tochter durch den fremden schwarzen Mann" drängt sich penetrant auf. Und darauf stehen manche Menschen - zumindest, wenn ich der Industrie glauben mag. Diese "Interracial-Porn"-Fantasie unterliegt keiner Wertung. Ich sag nicht, es ist böse; Ich behaupte auch nicht, Cheeseburger essen sei falsch; ich sag nur was so'n Cheeseburger für Inhaltsstoffe hat.
Sprechen wir von Inhaltstoffen:
Genauso wie Bestrafung, Schmerzen, Dominanz und Unterwerfung für BDSM-Fans sexuell erregend sind, bringen jahrhundertealte Angst-Szenarios des "der wilden Bestie ausgeliefert sein" den Konsumenten in Wallung. Da die europäische Aufklärung die Welt bereits vor Jahrhunderten in "zivilisiert" und "barbarisch" kategorisierte und schwarze Menschen als "naturverbundene Barbaren" beschrieb war die Hierarchisierung des "Selbst" und des "Anderen" bereits gegeben. Schon im 17.Jhdt. hatte die Europäische Literatur das "wilde Andere" als Thema gewählt und Reiseberichte übertrumphten sich in Beschreibungen exotischer Andersartigkeit. Geschichten über den angeblichen Kanibalismus fremder Völker sind noch heute Zeugnisse dieser Zeit. Die deutsche Kolonialzeit hat auch hierzulande Afrikaner_innen als übersexualisierte Untergebene skizziert, vor denen man (besonders Frau) sich zu hüten hatte.
Die Epoche von Greueltaten, die sich weitläufig unter den Begriffen "Transatlantischer Sklavenhandel" und "Sklaverei" verbirgt, hatte auch auf der anderen Seite des Atlantiks weiße Menschen mit der Wechselbeziehung von Furcht und gewaltvoller Anziehung mit dem "Anderen" vertraut gemacht. Opfer dieser "Wechselbeziehung" wurden besonders schwarze Frauen, deren körperliche Unversehrtheit oftmals lediglich von der Laune weißer Aggressoren abhing. Während sie selbst ewig der Gefahr sexueller Übergriffe seitens weißer Männer ausgesetzt waren, wurden schwarze Männer von ihren Schindern selber als mögliche Gefahr für den Leib, insbesondere aber für die körperliche Unversehrtheit der eigenen Gattin oder Tochter betrachtet. Damit war die "wilde Bestie" also existent, rassifiziert und bedrohlich. Die Angst vor der Vergewaltigung der weißen Frau hat überall auf der Welt zu Repressionen und zahllosen Morden geführt. Wir reden von der alleinigen Paranoia, nicht von tatsächlichen Taten.
Vor 70 Jahren
wurden in den USA noch unschuldige schwarze Männer von Bettlakentragenden weißen Männer an Bäumen gelyncht. Der 14-jährige Emmet Till* wurde 1955 auf brutalste Art ermordet, nur weil er einer weißen Frau hinterher gepfiffen hatte. In Südafrika wurden aufgrund von Vermutungen wahrscheinlich noch vor 20 Jahren Männer auf abgelegenen Farmen im Sand verscharrt.
Wenn ich also der Beliebtheit solcher "Schwarzer Mann (...) weißes Mädel"-Pornographie Beachtung schenke, dann weil ich weiß woher diese Fantasien kommen. Dies beschreibt in etwa den bitteren Nachgeschmack des "Interracial Porn". Wenn Pornographie ein Spiegelbild männlicher Fantasien darstellt, dann gibt es auch ein "Ich" auf der anderen Seite. Dieses "Ich" bringt den Porno in die gemeinschaftliche Schlafzimmer und unter die Kiefernholzverkleidung deutscher Hobbykeller. Du musst nicht danach suchen, um in den Kleinanzeigen auf "Black Boy für mittelaltes Paar gesucht"-Anzeigen zu stoßen. Wenn Uschi und Rolf ihr Sexleben aufpeppen wollen, dann sei ihnen der Versuch nicht anzulasten. Doch die Konstruktionen von "fremd" und "eigen" und die damit verbundenen Konnotationen sind so problematisch, dass die Konsumhaltung unserer Swinger eine Perversion der eigentlichen Idee von sexueller Freiheit darstellt. Freiheit signalisieren höchstens die ausbleibenden Antworten.
Merke, die Rede ist nicht von Liebesbeziehungen, sondern vom Konsum des als "fremd" bezeichneten; Sei es in Form von Pornographie oder von Swinger-Kontakten. Zugegeben, ich mache viele Fässer auf und das Thema ist zu groß, als dass es wirklich in einen Blog Post passt. Ich bitte auch meine teils reisserische Sprache zu entschuldigen. Ich arbeite daran und bessere mich. Freuen wir uns also auf ein weiteres Highlight in unserer beliebten Reihe, wenn es wieder heißt:
"Sorry, wenn ich Dir gerade den abendlichen Porno verdorben habe, aber ich schreib halt über Rassismus..."
*Heterotopie
*Emmet Till
Weitere Informationen: An excerpt from "Pornland: Racy Sex, Sexy Racism: Porn from the Dark Side"
Bild 1:John Pears (http://www.animeporn.com.au/thumbs/john_pearsons.jpg), Bild 2: Kara Walker (http://newyorkarttours.com/blog/wp-content/uploads/2008/10/kara_walker_2_oct2008.jpg) All copyrights of used pictures are reserved to their respective owners.