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Dienstag, 21. Juni 2011

Zweitausendelf oder "Justitia Has Left The Building"


Also, am 24.10.2010 wird Kamal Kilade, ein junger Iraker in Leipzig von zwei Neonazis erstochen. Letztere sind tätowiert mit SS-Runen, Hakenkreuz und dem SS-Motto: "Unsere Ehre heißt Treue." Der eine ist Mitglieder der Kameradschaft Aachener Land, beide kommen gerade aus dem Knast. Das verhandelnde Gericht, bzw. die Staatsanwaltschaft beschließt "Hinreichende Anhaltspunkte für eine ausländerfeindliche Motivation der beiden Angeschuldigten bei der Tat haben die Ermittlungen nicht ergeben". Da fehlen mir die Worte.
Mal abgesehen davon, dass es in Deutschland immer noch keine Statistik für rassistisch-motivierte Straftaten gibt, wie es in Großbritannien der Fall ist, reicht die Tatsache, dass es sich um bekennende Rechtextreme handelt nicht aus, um in die Kategorie "Hate Crime" zu rutschen. 

Dessau im Januar 2005: Oury Jalloh verbrennt auf mysteröse Weise in einer Gefängniszelle: Er war an Händen und Füßen angekettet, auf einer feuerfesten Matratze, mit gebrochenen Nasenbein und einem zerrissenen Trommelfell, zum Zeitpunkt des Brandes nur noch so schwach atmend, dass sich kaum Ruß auf seiner Lunge absetzt; alle Überwachungsaufnahmen die zum Zeitpunkt des Brandes den Zellenntrakt filmen sollten wurden durch wundersame Weise gelöscht, die Zeugen verstricken sich in Falschaussagen und die Staatsanwaltschaft läßt auch noch im zweiten Prozess 2011 verlauten: „Es gibt keine andere denkbare Variante als die, dass Oury Jalloh das Feuer selbst angezündet hat.“ Wie seltsam. Mir würden ein paar einfallen.

Es scheint, als hätten die Innenministerien Sachsens und Sachsen-Anhalts ein Interesse daran, rassistisch-motivierte Straftaten zu bagatellisieren, zu deklassifizieren oder den ganzen Tathergang ad absurdum zu führen - was angesichts des möglichen Imageverlustes absolut verständlich ist, nur eben nichts mehr mit Gerechtigkeit und Wahrheitsfindung zu tun hat.
Justitia has left the building.

Gut. Ich bin Laie, aber meine Frage ist: Wenn ein Gericht die Aufgabe hat, die Wahrheit herauszufinden aber eben dieses von Seiten der staatlichen Institutionen (Polizei und Staatsanwaltschaft) sabotiert wird, weil sie bereits auf der Basis falscher Prämissen in die Verhandlung gehen, wie kann die "Wahrheit" deutscher Gerichte weiterhin als Wahrheit sans commentaire gelten?
Wieso gibt es keine Kategorie für rassistisch-motivierte Straftaten, wie in UK? Wenn in den USA Straftaten gegenüber Muslimen (und allen die für welche gehalten werden) nach dem 11.Sept. 2001 um 1700% gestiegen sind, wie kann Deutschland (wer auch immer das ist) immer noch so tun, als wären Kategorien hierzulande überflüssig?
Warum gibt es immer noch keine unabhängigen Kommissionen, die in solchen Fällen die Vorgehensweise und mögliche "Prädisposition" der Polizei untersucht?


...Silence.

Mittwoch, 8. Juni 2011

Bei May an der Tafel - Ein Abendspaziergang

A rather personal note:

Seit heute Mittag steht die Gedenktafel am May-Ayim-Ufer. Nicht, dass ich glaubte, irgendetwas Neues zu lesen... Ich ging trotzdem hin. Vorhin, im Dunkeln, bei kaltem Wind und undefinierbarem Nieselregen. Ein paar Friedrichshainer Hipster-Krautrocker haben auf der Oberbaum- Brücke gespielt. Die Gitarre war unsinnig übersteuert und schallte quer über die Spree. Und es roch nach See! Es riecht nie nach See in Berlin. "Diesel" ist das höchste der Gefühle. Überhaupt gehen Gerüche unter in Berlin. Zwischen konstantem Rauschen und Knattern der Motoren, dem Gejohle besoffener spanischer Teenager und dem ständigen Blinken der O2-Leuchtreklamen, Daddelhallen, Dönerschuppen, Massagesalons - zwischen all diesen "IN-YOUR-MUTHAF**IN-FACE"-Reizen verliert die olfaktorische Wahrnehmung an Bedeutung.

Ungefähr zweihundert Meter in der Straße hinein steht sie dann da. Auf dem Rasen, in aller Pracht. In Glas gefasst. Es ist ein schönes Bild von May - das Bekannteste halt. Irgendwie ist es seltsam für mich das Bild einer Frau zu bewerten, die ich nie kennen gelernt habe. Es ist albern. Es ist eine Gedenktafel an einer Straße und kein... ich weiß nicht. Und selbst wenn ich ihre Gedichte gelesen und analysiert habe, bedeutet das nicht, irgendwas von der Person verstanden zu haben.
Um ehrlich zu sein, sind mir die meisten ihrer Texte wieder entfallen. "Afrodeutsch I" haben wir bis zum geht-nicht-mehr zitiert. Wir, wir alle, die sich mit diesem "Wir" identifizieren können. Die Sache mit der deutschen "Sch-Einheit" und das Adjektiv "Leberwurstgrau" drängt sich auf. Es sind Begriffe, die in mir Bilder auslösen von Helmut Kohl, Autobahnzubringern, gelben Telefonzellen, eckigen deutschen Autos und Herbert-Grönemeier-Hymnen im Hintergrund. Neonazis und Nineties-Nostalgie. Die frühen 90er muss mensch nicht mögen, aber wahrscheinlich waren sie notwendig. Weniger Nazis wären allerdings toll gewesen.

Und dann ist da noch die Sache mit der Community und dem Schritt aus der Isolation. Freundschaften, Wohnprojekte, großartig-unterhaltsame zwischenmenschliche Konflikte, Empowerment, Dreadlocks, Kinder, Politik - das volle Programm.  Ich hab mich auf dem Weg gefragt, wie viele Afrodeutsche Menschen ich dort treffe. Dort, an der Tafel. Es war, zugegebenermaßen, etwas naiv anzunehmen, ganz AfroBerlin würde bei solch pissigem Wetter um 23Uhr melancholisch an der Oberbaumbrücke enlangflanieren, um am May-Ayim-Ufer die Beine auszuruhen, ...aber so abwegig war's nu auch nicht. Es war der erste Tag und mein Facebook war voller Jubel darüber. Vielleicht hatte ich auch nur zu viel hineininterpretiert.

Es ist eine kleine gepflasterte Straße; auf der Rechten zur Spree hin offen. Links ein Kuchenstück Hundewiese mit ein paar Pappeln, dann wieder Berliner Häuserfront. Nicht wirklich relevant und doch hübsch. Vor Allem aber ist es der bisher einzige Ort, wo unsere "Bindestrich-Identitäten" namentlich - auf dem Stadtplan verzeichnet, im Stadtbild verewigt - Normalität darstellen. Eine Person, die gewürdigt wurde. Eine Schwarze Frau. Ein Sieg, ein einziger. Ein verdienter Sieg. Eine verdammte Straße in all dem Mist, der einem täglich um die Ohren fliegt! Es ist ein unfairer Kampf...
Einmal hoch, einmal runter. Zum Wasser geschaut, Fluppe geraucht, den Geruch der Pappeln genossen. Tief durchgeatmet und mit einem warmen Gefühl von Hoffnung am Horizont den Heimweg angetreten. War halt nen Abendspaziergang... War schön.



Picture Source, Tafel: http://www2.frieke.de/uploads/pic_4111547_full.jpg
May-Ayim-Ufer: http://blog.derbraunemob.info/wp-content/uploads/2009/05/collage-now-reality_50prz.jpg

Donnerstag, 13. Januar 2011

Der Fall Oury Jalloh

Eine Dokumentation von Pagonis Pagonakis zum ersten Prozess in Dessau...





  • Ein aktuelles Interview (13.01.2011) mit dem Filmemacher Pagonis Pagonakis findet ihr bei motorfm.de.



Ein Gedanke zum Prozess

Gesetzt den Fall, Oury Jalloh wäre aufgrund grober Fahrlässigkeit oder gar aufgrund eines schiefgelaufenem, sadistischen Spielchens testosterongeladener Polizisten ums Leben gekommen, dann sollte Deutschland eigentlich kopfstehen. Ich sage sollte, da Deutschland mittlerweile so dermaßen desensibilisiert geworden ist, dass die Medien in ihrem Dauerzustand von Empörung kaum zwischen Menschenrechtsverletzungen und kalkulierter Provokation à la Sarrazin unterscheiden können. Wie dem auch sei; sollte es zu einer solchen durch Beweislast zustande gekommenen Verurteilung kommen, dann sollte sich damit etwas zum Positiven ändern. „Wie zur Hölle kann ein bewiesener Totschlag bzw. eine fahrlässige Tötung positiv sein?“ Es kann, weil die Gewissheit hilft, den Vorfall zu verarbeiten.

Erstens, weil Oury Jalloh, so tragisch es auch ist, tot ist und nichts in der Welt ihn wieder zum Leben erweckt, aber das ihm zugestoßene Unrecht aufgeklärt wäre. Das ist es, was seine Angehörigen wollen und verdient haben. Nur so kann für sie ein schreckliches Kapitel geschlossen werden und ihnen mit der Zeit zur Heilung verhelfen. [So stelle ich es mir vor. Ich habe eine solche Erfahrung nie machen müssen.] Dass Repräsentanten des Staates der Familie Jalloh diese Möglichkeit auf Heilung durch Falschaussagen und kollektiven "Gedächtnisverlust" im letzten Prozess verwehrt haben, kann für die Familie bloß zusätzlich verletzend sein - und für die deutsche Justiz schlicht beschämend. Die Wahrheit muss gefunden werden; den Angehörigen zuliebe.

Zweitens, weil sich Deutschland - bei Verurteilung des Angeklagten- endlich mit institutionellem Rassismus beschäftigen müsste. Dem haarigen Tier will hierzulande niemand wirklich einen Namen geben. Zumindest nicht in der Exekutive. Dass es aber lebt und wild um sich tritt, wirkmächtig und böse, davon kann jede_r Asylbewerber_in, jede Person of Color,... - davon kann ich selbst berichten! Der Prozess könnte es aufdecken. Der Fall Oury Jalloh könnte zum deutschen "Fall Stephen Lawrence" werden. Öffentlich könnte gezeigt werden, dass Polizisten auch nur fehlbare Menschen sind, die ihre jeweiligen Charakterschwächen von ihrer Wohnzimmercouch mit in ihren Job nehmen und dort nach ihrer Façon ausleben oder versuchen, sie unter Kontrolle zu bekommen: Genauso anfällig für niedere Beweggründe, wie Bürger ohne Uniform. Eine solche Erkenntnis könnte dazu führen, dass Deutschland eine unabhängige Kommission zur Untersuchung von Polizeibrutalität bekommt, wie es Amnesty International schon lange fordert (im Gegensatz zur UK stapft der deutsche Staat noch wacker durch die juristischen Feldwege des letzten Jahrhunderts).

Es könnte dazu führen, dass rassistisch-motivierte Straftaten auch gesondert statistisch erfasst werden. Das werden sie bis dato nicht. Rechtsextreme(!) Straftaten werden gesondert erfasst, aber auch nur wenn die Täter offensichtlich dem rechten Milleu angehören (beispielsweise durch NPD-Mitgliedschaft) oder sie sich offen zu rechtsradikalem Gedankengut bekennen. Islamfeindliche Straftaten könnten noch einmal gesondert erfasst werden. Die Bundesregierung hat erst letztens auf Anfrage der Linkspartei erklärt, sie hätten absolut keinen Schimmer, wie viele solcher Delikte es gab, weil sie in keiner Statistik festgehalten werden. Es könnte jemand Verantwortung übernehmen. Ja. Es könnte eine sinnvolle Debatte geben, über Rassismus und Polizeigewalt und und und...

Aber - wenn sie so weitermachen, wie der letzte Prozess aufgehört hat, können sie genauso gut sagen: „Herr Jalloh hat sich selbst die Nase gebrochen und dann gefesselt mit 10cm Bewegungsradius mit seinem unsichtbaren "Tocai"-Einwegfeuerzeug in der Füllung der feuerfesten Matratze gepult und sich selbst komplett in Brand gesteckt.“ Und alle werden freigesprochen. Es könnte auch so kommen, und es würde mich nicht wundern.

Nebenbei bemerkt warte ich immer noch auf den Experten der „Blitzschlag“ ins Spiel bringt... -Zynismus off.



Pic Source: http://www.ouryjalloh-derfilm.de/uploads/images/OuryJalloh_Plakate.jpg

Dienstag, 14. Dezember 2010

"Colonial Charities" Representation of Black People in German Charity Advertisements

Komm, hier, Kleine. Haste ne Mark.
Alle Jahre wieder bummelt die Familie durch die lichterkettenbehangene Fußgängerzone, schlufft durchs Schneeflockenballett und wärmt sich am Glühwein mit Schuß. Auf diesen 500m Weihnachtskitsch starren an Bushaltestellen und Straßenecken die unterschiedlichsten Umweltopfer of Color von den Litfaß-Säulen und erzählen ihre Geschichte. Diese leidenden Protgonisten stammen meist aus "dem Land Afrika" (also Wüste oder Dschungel) oder "der Region Südasien" (auch da soll es sehr schön sein) und bitten die Weihnachtsbummler um eine Spende. Lernen tut der mitteleuropäische Teutone dadurch zum Einen, dass er seinen halben Meter Bratwurst gefälligst teilen soll, und zum Anderen das, wovon er zuvor schon überzeugt war: Dass Afrika und Asien die Armenhäuser der Erde sind und es dort nix gibt außer Armut und Krankheit und Krieg. Damit erbetteln sich die Hilfsorganisationen zwar ein pralles Geldsäckel, aber schlagen sogleich ganz tief in die Kerbe der eurozentrischen, stereotypen Betrachtung der Welt. Hatten sie je - im Entferntesten - etwas wie einen Bildungsauftrag, so ist dieser gescheitert. Vattern darf so beruhigt seine Festtagsplautze reiben und den Kindern erzählen, dass sie "froh sein sollen, dass sie nicht in Afrika..." und so, weil Kinder dort nämlich bestimmt keine XBox 360 zum Fest bekommen und wir deshalb gleich mal 5€ Almosen überweisen und die alten Gummistiefel in die Altkleiderkiste kloppen. Währenddessen steht in Nairobi ein Mädchen mit Nikes und Sennheiser Headphones vor einem kolossalen Haufen Klamotten aus Übersee und ärgert sich, dass ihr Papa wegen dem Scheiss den Job als Schuhmacher verloren hat.
Nur gut, dass sie in Deutschland nicht wissen, was Kindern in Johannesburg an Weihnachten über die verwarloste deutsche Jugend erzählt wird. Dort sammeln die Schulen bereits iPods und Socken für Mecklenburg-Vorpommern.

Zum Film:
 

"Colonial Charities" ist ein kurzer Dokumentarfilm von Timo Kiesel aus dem Jahr 2006, der heute nicht weniger aktuell ist. Mehr Info unter http://www.whitecharity.de/.




Pic source: http://www.kindernothilfe.de/multimedia/kmdb/%5B002%5D/2877_800x565_1676x1185_0x0-width-800-height-565.jpg

Montag, 6. Dezember 2010

Enter the Biracial Neo-Muslim

It's just a personal observation. Currently being „the Black/white biracial German“ is about as wicked as it gets. Here particular paradigms collide with social discourses on immigration and religion creating new fictional identities that get projected upon every citizen whose appearence deviates from the 1950s text book German.
As for being biracial:
Aside from the fact that people regularly mistake you for North African, Arab, Brazilian, etc. now cafeteria personnel will actually point out to you that „that side dish has some pork in it.“ That is so thoughtful, given that mainstream media predicts anti-muslim violence to break out any second. Thoughtful, yet strange given that being biracial does not mean being Muslim or member of any other religious group for that matter.
Now, if mainstream media is right all bets are off. People tried to burn down Berlin's biggest mosque and recently reports of people percieved to be Muslims getting attacked by white Germans pop up in every local tabloid.
I would love to be able to say „Folks, I will just sit this one out“ but it's not going to work this way. Being biracial means depending on the situation you represent white people, Black people, mixed people, immigrants, POCs in general and now it means representing Muslim religion as well. All wrapped neatly around gender, sexual orientation, age, perception of national belonging and a yet to be revised version of class. It's like adding skins to an onion.  „Zwangsislamisierung“ (forced Islamization) is about the most absurd phenomenon in German society in 2010. Luckily this year is going to be over soon and the new hype of the city gossip is going to be „game show madness“.Whatever titilates the mainstream. Whatever gets politicians re-elected in 2011. As long as no Muslims and/or People of Color get battered I might just be able to exhale and have a sip of my Arnold Palmer. 2011, I salute you!

a) Race is not a biological category, it's a social construct. Being biracial means being descendant of people located on the two opposing ends of a racist hierarchy based on those constructs. b) German language does not yet provide the vocabulary to write about a biracial experience without reproducing racist connotations. Hence the English lingo. It's sad but true.


Consider one accordingly

Consider one a human being
of a particular age, let’s say late twenties
Consider one male, one straight
for the purpose of argument
in addition consider ones behaviourisms
accordingly
Consider one Black in the United States,
Coloured in South Africa, mixed in Europe
if you ask white people. Consider one white
if you ask Nigerians. Consider one Nigerian
if you are Black and ask Germans. Consider one
privileged to the average Arab immigrant. Consider one Arab
to the privileged, Muslim to the masses, danger to the elderly
Consider one pissed if asked
whether one is slightly biased.

Consider me one Consider u 2
consider us all thus
have some consideration
the next time
u line ur
prime presumptions
up 2
prove a point.


Picture source: http://wrightswords.files.wordpress.com/2010/01/biracial11.jpg 
Poem: P. Khabo Köpsell .2010. "Consider one accordingly".  in: Die Akte James Knopf. Afrodeutsche Wort- und Streitkunst. Münster: Unrast-Verlag.



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Dienstag, 23. November 2010

Decolonizing Porn oder: Wie ich einst über den schwarzen Monsterpenis stolperte...


"OMG! It's sooo big!"
Ok, Uschi und Rolf wollen ihr Sexleben aufpeppen und suchen "Black Boys".
Nun gut. Kann ja sein, dass ich mich irre; dass Sex mit dem Ausleben von Fantasien zu tun hat, jeglich denkbare Fantasie dafür herhalten darf.  Kann sein, dass unter der Bettdecke rassistische Vorstellungen von sexualisierter Exotik in Sehnsucht, Leidenschaft und zwangloses Rumvögeln umgewandelt werden. Kann gut sein, dass davon einige profitieren und das Schlafzimmer in eine political correctness-freie Heterotopie* transformiert wird, die mit dem Anzünden der obligatorischen Rauchware danach verpufft. Ich würde das absolut unterschreiben, wenn da nicht ein so bitterer Nachgeschmack wäre.
Pornographie ist ja quasi das Spiegelbild männlicher Fantasien. Sexualisierte Objekte erfüllen die ihnen erdachte Aufgabe durch stereotype Präsenz. Besonders schwarze Menschen werden in der gegenwärtigen Medienkultur auf ihre Körperlichkeit reduziert. Das ist auffällig, aber keineswegs neu. Folgende Wortwahl ist Reproduktion dieser Tatsache. Wenn die Adult-Entertainment Industrie also sogenannte "Interracial Porn"- Szenen produziert, in denen ein schwarzer Mann (genannt "schwarzer Monsterschwanz", wahlweise plural) Sex hat, mit jungen weißen Frauen (aka "Teenie-Girls", in der Beschreibung meist unmarkiert), dann müssen wir davon ausgehen, dass dies eine direkte Reproduktion der Fantasien einer beachtlich großen Gruppe Menschen ist.
Du darfst mir gerne antworten, diese Fantasie basiere nur auf sportlich-handwerklichem Interesse an der Belastbarkeit menschlicher Physis, aber der Vergleich zum weißen Super-Gau Angst-Szenario: "Vergewaltigung der eigenen weißen Ehefrau/Tochter durch den fremden schwarzen Mann" drängt sich penetrant auf. Und darauf stehen manche Menschen - zumindest, wenn ich der Industrie glauben mag. Diese "Interracial-Porn"-Fantasie unterliegt keiner Wertung. Ich sag nicht, es ist böse; Ich behaupte auch nicht, Cheeseburger essen sei falsch; ich sag nur was so'n Cheeseburger für Inhaltsstoffe hat.

Sprechen wir von Inhaltstoffen:
Genauso wie Bestrafung, Schmerzen, Dominanz und Unterwerfung für BDSM-Fans sexuell erregend sind, bringen jahrhundertealte Angst-Szenarios des "der wilden Bestie ausgeliefert sein" den Konsumenten in Wallung. Da die europäische Aufklärung die Welt bereits vor Jahrhunderten in "zivilisiert" und "barbarisch" kategorisierte und schwarze Menschen als "naturverbundene Barbaren" beschrieb war die Hierarchisierung  des "Selbst" und des "Anderen" bereits gegeben. Schon im 17.Jhdt. hatte die Europäische Literatur das "wilde Andere" als Thema gewählt und Reiseberichte übertrumphten sich in Beschreibungen exotischer Andersartigkeit. Geschichten über den angeblichen Kanibalismus fremder Völker sind noch heute Zeugnisse dieser Zeit. Die deutsche Kolonialzeit hat auch hierzulande Afrikaner_innen als übersexualisierte Untergebene skizziert, vor denen man (besonders Frau) sich zu hüten hatte.
Die Epoche von Greueltaten, die sich weitläufig unter den Begriffen "Transatlantischer Sklavenhandel" und "Sklaverei" verbirgt, hatte auch auf der anderen Seite des Atlantiks weiße Menschen mit der Wechselbeziehung von Furcht und gewaltvoller Anziehung mit dem "Anderen" vertraut gemacht. Opfer dieser "Wechselbeziehung" wurden besonders schwarze Frauen, deren körperliche Unversehrtheit oftmals lediglich von der Laune weißer Aggressoren abhing. Während sie selbst ewig der Gefahr sexueller Übergriffe seitens weißer Männer ausgesetzt waren, wurden schwarze Männer von ihren Schindern selber als mögliche Gefahr für den Leib, insbesondere aber für die körperliche Unversehrtheit der eigenen Gattin oder Tochter betrachtet. Damit war die "wilde Bestie" also existent, rassifiziert und bedrohlich. Die Angst vor der Vergewaltigung der weißen Frau hat überall auf der Welt zu Repressionen und zahllosen Morden geführt. Wir reden von der alleinigen Paranoia, nicht von tatsächlichen Taten.
Vor 70 Jahren
wurden in den USA noch unschuldige schwarze Männer von Bettlakentragenden weißen Männer an Bäumen gelyncht. Der 14-jährige Emmet Till* wurde 1955 auf brutalste Art ermordet, nur weil er einer weißen Frau hinterher gepfiffen hatte. In Südafrika wurden aufgrund von Vermutungen wahrscheinlich noch vor  20 Jahren Männer auf abgelegenen Farmen im Sand verscharrt.

Wenn ich also der Beliebtheit solcher "Schwarzer Mann (...) weißes Mädel"-Pornographie Beachtung schenke, dann weil ich weiß woher diese Fantasien kommen. Dies beschreibt in etwa den bitteren Nachgeschmack des "Interracial Porn". Wenn Pornographie ein Spiegelbild männlicher Fantasien darstellt, dann gibt es auch ein "Ich" auf der anderen Seite. Dieses "Ich" bringt den Porno in die gemeinschaftliche Schlafzimmer und unter die Kiefernholzverkleidung deutscher Hobbykeller. Du musst nicht danach suchen, um in den Kleinanzeigen auf "Black Boy für mittelaltes Paar gesucht"-Anzeigen zu stoßen.  Wenn Uschi und Rolf ihr Sexleben aufpeppen wollen, dann sei ihnen der Versuch nicht anzulasten. Doch die Konstruktionen von "fremd" und "eigen" und die damit verbundenen Konnotationen sind so problematisch, dass die Konsumhaltung unserer Swinger eine Perversion der eigentlichen Idee von sexueller Freiheit darstellt. Freiheit signalisieren höchstens die ausbleibenden Antworten.


Merke, die Rede ist nicht von Liebesbeziehungen, sondern vom Konsum des als "fremd" bezeichneten; Sei es in Form von Pornographie oder von Swinger-Kontakten. Zugegeben, ich mache viele Fässer auf und das Thema ist zu groß, als dass es wirklich in einen Blog Post passt. Ich bitte auch meine teils reisserische Sprache zu entschuldigen. Ich arbeite daran und bessere mich. Freuen wir uns also auf ein weiteres Highlight in unserer beliebten Reihe, wenn es wieder heißt:
"Sorry, wenn ich Dir gerade den abendlichen Porno verdorben habe, aber ich schreib halt über Rassismus..."



*Heterotopie
*Emmet Till

Weitere Informationen: An excerpt from "Pornland: Racy Sex, Sexy Racism: Porn from the Dark Side"

Bild 1:John Pears (http://www.animeporn.com.au/thumbs/john_pearsons.jpg), Bild 2: Kara Walker (http://newyorkarttours.com/blog/wp-content/uploads/2008/10/kara_walker_2_oct2008.jpg) All copyrights of used pictures are reserved to their respective owners.

Samstag, 20. November 2010

Deutschland, Take It Down a Notch!

Nein. Hier hört es auf.
Ich habe gerade bei Critical Witness einen Gedanken zum Thema "Terrorwarnung" gelesen und bin dem Link gefolgt. Manche Nachrichten gehen momentan einfach an mir vorbei.
Also: An Berlins größter Moschee hat es zum vierten mal in sechs Monaten gebrannt. Immer an der selben Stelle. Eine am Tatort gefundene Propangasflasche ist - alhamdulillah - nicht explodiert.
Du kannst mir alles erzählen, aber Brandanschläge auf Gotteshäuser ist nun mal so "Nazi", dass es offensichtlicher nicht sein kann. Wenn ich die Kommentare auf den Seiten diverser Online-Zeitungen richtig deute, dann gibt eine nicht so kleine Anzahl von Menschen, die diesen Anschlag tatsächlich befürwortet. Wie krank kann diese Welt denn sein?
Ich frage mich,
ist es Sarrazins Schuld, wenn irrgeleitete Mehrheitsdeutsche sich dermaßen ideologisch unterstützt fühlen, dass sie es für gesellschaftlich legitim halten, Moscheen anzuzünden? Wie viel Einfluss haben die populistischen Ausfälle eines Seehofers auf die Ressentiments der christlich-solzialisierten, weißen deutschen Mehrheit gegenüber deutschen Muslimen?
Wie viel Verantwortung sollten Autoren und Politiker heutzutage übernehmen? Ist es für die Architekten der 2010er Islamfeindlichkeit tatsächlich möglich, die Verantwortung auf das gewalttätige Individuum zu schieben? Wenn es nicht in deren Interesse ist, dass Deutschland von testosterongeladener Progromstimmung erfasst wird, sollten sie nicht handeln? Sollten sie nicht zumindest den Hinweis mitliefern, dass Ihre Thesen und Vorschläge keinen Aufruf zur Gewalt darstellen? Dass jegliche Gewalt gegenüber den von ihnen markierten "Scape goats" nicht erwünscht und nicht tolerierbar sei? Wäre diese Positionierung bereits so schizophren, dass ihr Ego dies nicht zulässt? Was muss denn noch passieren, damit Deutschland bemerkt in welche Richtung es wieder steuert?
- Brandanschlag auf Moschee? Check!
- Rassistisch-motivierter Mord an Deutsch-Iraner auf offener Straße? Check!
- Mord an Deutsch-ägyptischer Mutter in Gerichtsaal? Check!
- Politiker, die private Sanktionen wie "Handyverbot" für mutmaßliche "Islamisten" vorschlagen? Check!
- Rechtslastige, populäre Internetforen, die Namen und Adressen kritischer Menschen im Netz veröffentlichen? Check!
- Selbstgerechte Pfeifen, die all das bagatellisieren? Check!

Wann wird der erste Politiker auf das Einführen gelber Filz-Halbmonde kommen und es für eine schlaue Idee halten?
[Raunen im Publikum, "Na, jetzt mal halblang, Bursche..."]
Ehrlich, hinsichtlich undenkbar idiotischer und rassistischer Gespensterdebatten, die nicht groß anders sind als die "das Boot ist voll" und  "Deutschland vernegert" -Sprüche der frühen 90er, frage ich mich wie weit wir weg sind von echten Nazi-Anleihen. Oder zumindest von versuchten Nazi-Anleihen, denn 'Schland wird ja doch immer noch argwöhnisch von Aussen beobachtet. Merkels sinnfreier Kommentar "Multikulti ist gescheitert" ist ja nun auch in der letzten Ecke der Welt rezipiert worden und wird dort feinsäuberlich im Ordner  "Germanische Identitätskrise" archiviert.

"Germany, take it down a notch!"
Der Komiker und Moderator der Polit-Satire The Daily Show, Jon Stewart, hat vor kurzer Zeit zu einer Protestkundgebung names "Rally to Restore Sanity" aufgerufen, um einen gesellschaftlichen Schritt zurück zur Normalität zu wagen. Grund dafür waren die extremen und teils militanten Kampagnen der neuen Konservativen hinsichtlich Präsident Obama und der medialen Darstellung muslimischer Menschen in US-Amerika. Wir erinnern uns an die geplante Koran-Verbrennung. Stewarts Kampfsprüche für liberale Wechselgeldzähler  "Take It Down a Notch, America!" und "I Disagree With You, But I'm Pretty Sure You're Not Hitler" sind satirische und dennoch ernsthafte Aufrufe eine mögliche Eskalation symbolischer und physischer Gewalt zu vermeiden. Lustig, ja; Aber halt auch durchaus ernst gemeint.
Dieses Konzept sollte auch auf Deutschland übertragen werden. Kaum schneidet Schland ein paar mal ganz gut in der WM ab, werden alle wieder deutschtümlich und werfen mit Stammtischparolen und sarkastisch instrumentalisierenden "Integrations-Bambis" um sich.

In diesem Sinne möchte ich sagen: Liebes Deutschland, es reicht jetzt! Setzt Euch wieder hin und baut schicke Autos! Setzt Euch für alternative Energien ein und seit nett zu einander! Lasst den Nationalismus in den Memoiren der Urgroßeltern und fokussiert die Zukunft. Vor allem: Steht der Zukunft nicht im Weg. Ja, es wird nun mal Multikulti werden. Der Islam wird integraler Teil der deutschen Religionstapete. People of Color sind und werden einen großen Teil der Bevölkerung ausmachen. Und das beste daran, liebe "Mehrheitsdeutsche", es ist gar nicht schlimm! Es wird nicht wehtun. Vielleicht wird Euer Ego ein, zwei Jährchen geknickt sein, weil Ihr nicht mehr die ganze Definitionshoheit besitzt, weil Ihr vielleicht nicht jeden Gassenhauer mitgrölen könnt, aber - glaubt mir - es wird voll okay sein. Integration handelt von der aktiven Akzeptanz einer heterogenen Gesellschaft. Let's go then! Es wird schön werden!



Montag, 15. November 2010

"Deutschenfeindlichkeit" und Rassismus. Eine Frage




Huiuiui! Ich hätte so viele Fragen an Frau Schröder. Schlimm ist, dass sie den Blödsinn, den sie sich aus der Nase ziehen lässt auch noch ernst meint, verbreitet und mit Freude reproduziert. Vielleicht liest das hier ja jemand, der sie persönlich kennt. Kannste ihr ja ma von berichten... 
Gut. Wenn ich ein etwas übertriebenes Szenario malen dürfte:

Thema "Deutschenfeindlichkeit":
Dieses Unwort basiert auf der Idee, welche besagt, Rassismus sei die Diskriminierung bestimmter gesellschaftlicher Gruppen aufgrund ihrer ethnischen Herkunft und die dadurch transportierten Ressentiments. Klingt erstmal toll und ermöglicht eine schnelle Bestimmung der Sachlage; entweder 1 oder 0, Rassist oder nicht. Schnappen wir uns doch mal Frau Schröder und kauen das Ganze durch.
Also, Frau Schröder, stellen wir uns vor wir nehmen eine Kollage verschiedener tatsächlich existierender Menschen. Folgen Sie mir: Sagen wir, der Afrodeutsche Gerson Liebl, der 18 Jahre lang gegen seine Abschiebung kämpfen musste und verlor; Enkel von Fritz Liebl aus Straubing, der 1908 nach Togo emigrierte, während das Kaiserreich Deutschland seine Kolonien plünderte, die ersten zwei Völkermorde des 20.Jhdt beging, und die Welt in primitiv und kultiviert einteilte, dieser Gernot Liebl wäre, sagen wir mal, wie Oury Jalloh Opfer eines grausigen Verbrechens in einer Dessauer Gefängniszelle geworden, während seine Frau, sagen wir mal wie Marwa El-Sherbini in einem Dresdener Gerichtssaal von einem NPDler erstochen wurde und deren Kinder, sagen wir mal, wie die beiden 8-jährigen Zwillinge aus Österreich, in Handschellen und vorgehaltener Waffe in Abschiebehaft gebracht wurden, nachdem ihnen in Schule und Fernsehen beigebracht wurde, dass sie eh "anders" sind als die "normalen" Kinder  -  sagen wir mal diese Kinder würden irgendwann poltern: "Scheißdeutsche! Mit denen wollen wir nichts mehr zu tun haben. Die kommen uns nicht ins Haus!"- wäre die Aussage dieser Kinder dann, Frau Schröder, in gleichem Maße "rassistisch" wie die Taten der Kolonialherren, der Polizisten, der NPDler, der unreflektierten Grundschullehrer und Medienfuzzies in dieser Geschichte?
Oder kann es nicht sein, dass Rassismus vielleicht etwas vollkommen anderes ist? Etwas, das in einen gesellschaftlichen und historischen Kontext eingebettet ist? Etwas, das mit herrschenden Machtstrukturen zu tun hat? Das Konstruieren und Klassifizieren "menschlicher Rassen" oder in Neudeutsch auch "Kulturen", das Belegen dieser mit stereotypen Attributen? Die Hierarchisierung dieser "Rassen"/Kulturen und die gesellschaftliche Reproduktion und Manifestierung dieser Hierarchie? Vielleicht eine Form, die weltweit sehr ähnlich ist? Durch alle Gesellschaftsschichten hindurch? In denen Nationalität nur ein periphärer Marker ist? Hmmmm...? Na...?

Ich weiß, ich habe weit ausgeholt. Ich gebe allen etwas Zeit zum Denken. Und Frau Schröder kann ja noch mal ihren Mann fragen.



Montag, 1. November 2010

Bayreuther Mohrenwäsche


"Wilma, hol die Wurzelbürste!"(Ja, ich weiß! Ich möchte selber würgen!)
Kinder, ich möchte Euch eine Geschichte erzählen:
Es begab sich im Jahr 1865, dass ein afrikanischer Diplomat den weiten Weg nach Mitteleuropa antrat. Nein, ich weiß nicht aus welchem Land genau. Und andere Erzähler sagen auch, er wäre auf dem Jahrmarkt aufgetreten. Wie dem auch sei; diesen Diplomaten oder Artisten verschlug es nun auf wundersame Weise ins markgräfliche Bayreuth des 19. Jahrhunderts. Dort angekommen wurde er von den hellhäutigen eingeborenen Bauern und Händlern beäugt, als wäre er ein seltenes Tier. Das Raunen in der Masse schwoll an, bis einer rief: "Der hat sich doch nur angemalt!". Ich denke, an diesem Punkt hätte sich unser Reisender gewünscht, er wäre lieber nach, sagen wir mal London gegangen. Denn - schwupps - warf sich der Mob der hiesigen Landbevölkerung auf ihn und zerrte ihn durch die matschigen Gassen bis zum bayreuther Mühlbach, in den sie ihn hineinwarfen. Einem einheimischen Ordnungshüter wurde die Aufgabe angetragen den Reisenden einzuseifen und mit Hilfe der Wurzelbürste den vermeintlichen Ruß von der Haut zu schrubben. Zum Erstaunen der Anwesenden ließ sich der Mann einfach nicht so hell waschen, wie die schaulustige Meute es gerne gehabt hätte. Als diese einsehen musste, dass dieser fremde Reisende gar nicht so blaß war wie sie selbst, liessen sie von ihm ab. 
Die Bewohner Bayreuths wurden von nun an von umliegenden Dorfgesellschaften spöttisch "die Mohrenwäscher" genannt. Sie schworen sich in Zukunft, Fremden gegenüber, sehr viel aufgeschlossener zu sein. Und weil der gemeine Bayreuther über ein natürliches, frohes Gemüt verfügt, fühlte er sich von den Spottrufen der Nachbarn nicht im Geringsten verulkt und gedachte von nun an diesem Spektakel und der daraus gewonnenen Erkenntnis, indem er dem Fremden einige bedeutende Kultstätten widmete. Sogar ein regionales alkoholisches Getränk und die hiesige Karnevalstruppe erinnert an diesen trotteligen Fauxpas der Einheimischen.


So prangt heute das Konterfei des Reisenden zum Beispiel an der Fassade  der ältesten Apotheke der Ortschaft: der "Mohrenapotheke" Und viele ... äh,vermeintliche Freunde von ihm sind da auch abgebildet, mit Nasenring oder turbantragend, brustfrei, in dienender Haltung, in Interieur und den Auslagen, in Porzellan und Tropenholz; ...viele exotisierende Projektionsflächen gefühlter europäischer Überlegenheit.

Genau, die Apotheke. Dort geht der moderne Bayreuther nämlich sein Aspirin holen, wenn er in der Nacht zuvor in der "Mohrenstube" zuviel "Mohrenbräu" getrunken hat, nachdem er im Fastnachtszug der "Bayreuther Mohrenwäscher e.V. "(gegründet 2006!) womöglich als "Mohr" verkleidet durch die Straßen gestolpert ist.

Auszüge aus "Afrika und die deutsche Sprache" von S. Arndt:
- "M." ist die älteste deutsche Bezeichnung für Schwarze Menschen. In dem Wort steckt das griechische "moros", das "töricht", "einfältig", "dumm" und auch "gottlos" bedeutet, und das lateinische "maurus", welches für "schwarz", dunkel", bzw. "afrikanisch" steht. Daraus wurde althochdeutsch "mor" und schließlich "M." abgeleitet. (S.168)
- Von Anfang an war dieser Begriff negativ konnotiert, was maßgeblich auf Aversionen gegenüber Nicht-Christ/inn/en - und in Spanien speziell gegenüber den islamiscshen Gegnern des Christentums zurückzuführen ist. (ebd.)

Auszüge aus "Das M-Wort" von Ulrike Hamann, erschienen in "Rassismus auf gut Deutsch":
- Mit dem Begriff M. ("Mohr") bezeichne(te)n 'weiße' Menschen im 17., 18., 19. und 20. Jh. Schwarze Menschen, die überwiegend als Sklav_innen des deutschen Adels und zunehmend auch des Bürgertums in den deutschen Staaten lebten. (S.146)
-Betr."Nostalgisches Design historischer Motive":  Die Nostalgie betrifft bestimmte koloniale Erinnerungen, deren Gehalt die Fantasie des Bedientwerdens 'weißer' durch Schwarze Menschen ist. Bedientwerden stellte ein Statussymbol von Überlegenheit dar, die kolonial mit 'Weißsein' verknüpft wurde. Der Verlust dieser Überlegenheit wird hier als "nostalgisch" unter Wiederaufrufen des "M.-Bildes symbolisch erinnert.(S.148)


So, Kinder. Das war die Geschichte des afrikanischen Diplomaten und des ersten dokumentierten rassistischen Übergriffs Oberfrankens. Und die Erwachsenen frage ich nun:  Was können wir tun?

Welch ungeahnte Möglichkeit für kräftig Remmidemmi! Doch was nun? Erzürnte Briefe schreiben; die nichtvorhandene linke Szene Bayreuths zu Boykotten und Großdemonstrationen auffordern; sich wundern, warum das seit 1975 ansäßige Institut der Afrikawissenschaften nicht schon lange ein Symposium zu diesem Thema gehalten hat? Farbbeutel füllen? Autos anzünden? Liebe Erwachsene, ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass antirassistische Diskurse in der Provinz zu Staub zerkrümeln, als hätte es sie nie gegeben. Ich weiß weiter, dass Bayreuth so traditionell konservativ ist und diese Geschichte so tief im tradionellen Gedächnis der Stadt liegt, dass die/der progressive Aktivist_in bestenfalls belächelt wird.
Vorschläge und grandiose Ideen bitte auf der Kommentar-Ecke posten oder mir zu Facebook schicken.

Grandiose Idee #1: Performance
(foto: www.iwalewa.uni-bayreuth.de)
I like!!! Thematisch gut passt die Austellung Afro Sat I von Daniel Kojo und Philipp Metz, die das Bayreuther Iwalewa-Haus im Sommer 2010 zeigte. Eine schöne Sache. Ausgerechnet in der Stadt des "Mohrenwäscher"-Kults - wahrscheinlich aber unbeabsichtigt. Wenn ich mal so frei sein darf, das Iwalewa-Haus zu zitieren:
"Philip Metz befragt in seinen Videoarbeiten, Fotoserien und Performances häufig kulturelle Stereotype, indem er deren Wirkungen in einem neuen, ungewohnten Rahmen untersucht. So ist die Arbeit „Of mimicry“ Ergebnis einer mehrtägigen Performance in Dakar. Der Künstler trat dort als „Afrikaner“ in einem aus Deutschland importierten Karnevalskostüm auf, dessen visuelle Elemente in Dakar lediglich als fremd und albern, in keiner Weise jedoch als essentielle Bestandteile der eigenen Kultur verstanden wurden.(www.iwalewa.uni-bayreuth.de)"

Grande! Ich wünschte, der Karnevalsverein hätte die Ausstellung besucht. Dem Rest Oberfrankens hätte es sicherlich auch nicht geschadet.


Fotos der Apotheke, Plakat"Mohrenwäscher": Privat . Fotos Metz,Kojo: www.iwalewa.uni-bayreuth.de

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Freitag, 29. Oktober 2010

"The Dancer Must be Mad!" / Warum gegen Rassismus schreiben?

"Lass doch die Kirche im Dorf." Also gut: Warum sollte es nötig sein im Jahre 2010, in Deutschland, in der EU, Rassismus anzuprangern? Einen Gedichtband darüber zu schreiben? Zu bloggen, zu performen, zu singen, zu rappen?
Vielleicht, weil irgendein Verrückter in Malmö mit einem Gewehr Jagd auf Migranten macht. Vielleicht, weil ein Jahr nachdem Marwa El-Sherbini in einem Dresdener Gerichtssaal erstochen wurde, ein weiterer Ägypter (bzw. Deutsch-Ägypter-Iraker) aus rassistischen Motiven in Leibzig niedergestochen wurde. Vielleicht, weil Sarrazins Thesen ein erneutes Aufflammen rassistischer Rhetorik hervorrufen und People of Colour™ wieder dumm auf der Straße angepöbelt werden dürfen. Vielleicht auch einfach, weil die Information, dass Migranten und deutsche "Bindestrich-Identitäten" mündige Bürger sind, die nicht fremdbestimmt werden möchten - dass diese Info - anscheinend immer noch nicht durchgesickert ist.

Those who can't hear the music think the dancer is mad. (Glückskeksweisheit/Anon.)

Ich verstehe sehr gut, dass Menschen, die in Deutschland überhaupt keinem Rassismus ausgesetzt sind, jegliche Diskussionen über dieses Thema als "Hobby" verstehen und von einer intensiven Auseinandersetzung irritiert sind ("Deutschenfeindlichkeit" ist kein Rassismus, Frau Schröder). "Hobby" ist allerdings etwas anderes als das tatsächliche Leben mit Rassismus. Ich wünschte mir auch, ich könnte dieses Thema auspacken, wann mir danach zumute ist und es einpacken, wenn die Sonne den Horizont streift. So geht es aber nicht. Mein Leben richtet sich danach. Nicht, weil es so viel schönen Gesprächsstoff für Partys liefert sondern, weil mein körperliches und seelisches Wohl davon abhängt. Und zwar täglich.
Es bestimmt mit welchen Menschen ich reden kann (ohne ständig meine Existenz rechtfertigen/ erklären zu müssen), in welchen Zug ich steige (ohne auf dem Weg nach Elsterwerda feindseeligen Blicken ausgesetzt sein zu müssen), welches Fernsehprogramm ich schaue (ohne meinesgleichen als dummen, gewalttätigen, sexsüchtigen Primitivling portraitiert sehen zu müssen), welche Stadt ich besuche, wie ich mich in dieser Stadt, um welche Uhrzeit, welchen Menschen gegenüber zu verhalten habe, welchen Job ich annehme, wann ich rede und wann ich lieber die Klappe halte; Es bestimmt, wie ich meine Identität verhandele und wie ich meine Zukunft plane.

There are too many idiots in this world. And having said it I have the burden of proving it. (F. Fanon)

Ich beobachte, dass viele konservative "Mehrheitsdeutsche" in eine Art Schreckstarre verfallen, wenn sie mit einer Narration konfrontiert werden, in der sie nicht mehr über die alte Definitionsmacht verfügen und, in der die "Anderen" eine ganz eigene Sicht der deutschen Zustände beschreiben. Verzweifelt wird versucht, eine Balance der Argumente herzustellen, die zumindest den Anschein erwecken könnte, als redeten wir einfach aneinander vorbei.  Diese Narration ist kein Missverständnis, es ist ein Paradigmenwechsel. Einer, der in UK, USA und SA schon Jahre auf dem Buckel hat, hierzulande aber noch als futuristisch gilt. Schland braucht einfach immer ein paar Jahre länger, um zu verstehen, dass es in keinem diskursiven Vakuum schwebt.
Die Zukunft ist eine großartige Konstante; du kannst Dich wie Sarrazin und Seehofer mit vollem Körpereinsatz gegen den Strom werfen, aber stoppen kannst Du den Fluß nicht. Diejenigen, die sich allerdings treiben lassen; die sperrigen Äste aus dem Weg biegen und anderen aus den Turbulenzen helfen werden in Seelenruhe ihren Platz finden.

Futuristically speaking... Never be afraid!
(Yo Majesty)



Sonntag, 17. Oktober 2010

"Irgendwas Relevantes" Raus! / Thoughts on Nosliw

"Nazis raus!" brüllen hilft nicht mehr. Vor zehn Jahren war das alles anders. Da hatten wir gerade die 90er überstanden. Mit Lichterketten, Batik-Tüchern, Tribal Techno und Multikulti-Romantik. Und, ja: Es gab sie noch, in Springerstiefeln und Bomberjacken; und sie haben Menschen zu Tode geprügelt und aus Zügen geworfen. Und was anderes konnten wir sagen, wir, die geschockt und empört und verängstigt und vielleicht einfach nur wütend diesen Gefühlen Worte verleihen wollten? Nazis raus! (Niemand ist damals auf die Fragen "woraus und wohin eigentlich" gekommen).
Aber heute sollten wir mal die Inventarliste abgleichen: Rechtsextreme? Check! Steineschmeisser? Check! Dumpfe politische Mitte? Check!
Nazis: Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sich irgendjemand, egal wie radikal oder bescheuert, ernsthaft als "Nazi" bezeichnet. Genauso wenig wie es bekennende Rassisten gibt. Rechte Jugendkultur ist mittlerweile genau das - eine Jugendkultur. Hauptsächlich ansässig in Ostdeutschland und in der Regel überall da, wo's keine Arbeit und paradoxerweise auch keine POCs gibt. Darüber brauchen wir nicht streiten: Ostdeutsche Jugend ist, abgesehen von West-Berlin, einfach rechtslastig. Das ist aber gar nicht unser Problem. Als "Bindestrich-Deutsche" wissen wir, dass Rechtsextreme scheiße sind, die finden uns ja auch scheiße. Keine große Sache. Gefährlich schon, aber das wußten wir halt schon seit den 90ern.

Problematisch hingegen ist die ideologisch Linke und die matschige Mitte. Schon mal versucht einen weißen, dreadgelockten Linken davon zu überzeugen, dass Ethno-Clash Outfits kolonialrassistische Stereotype reproduzieren? Ganz schwer! Und die liberalen Gutmenschen? Und die Nachbarn? Und die nette Tante an der Kasse? Fangen wir erst gar nicht an. Dazu gibt es dutzende tolle Bücher, die ich gar nicht mehr aufzählen kann. Wenn Du nicht aus Neugier oder Versehen auf diesem Blog gelandet bist, dann wirst Du sie ja eh alle kennen.

Wie wär's denn mit "Sarrazins raus!", oder "Banker raus!", oder etwas Klassisches: "Ausländerbehörden-Schreibtischtanten raus!", "Unreflektierte Journalist_innen raus aus der TAZ!"? Ich weiß es doch auch nicht. "Batik-Muttis raus aus dem Trommelkurs!" Lasst Euch was einfallen, aber verschwendet nicht Eure Energie für Messages, die eh keinen mehr vom Hocker hauen. Sorry Nosliw, der Zeitgeist verlangt gerade mehr Kreativität und vor allem ernsthafte Auseinandersetzung. Die Mucke ist trotzdem ...tanzbar.

Sonntag, 3. Oktober 2010

MALCOLM ROTIERT. Über Synchronsprecher und bunte Hosen

"Nigger, sag nie wieder in deinem Leben irgendwas gegen meine Mutter!" sagte Denzel Washington und schlug dem anderen Schauspieler die Whiskyflasche aus Zuckerglas über den Schädel. Denzel darf das auch. Sowohl das eine, als auch das andere. Zumindest im Film und besonders wenn er den jungen Malcolm X portraitiert. 
So, nun stelle man sich vor Malcolm X würde von einem weißen Schauspieler gespielt, der im ersten Drittel des Films mit N-Wörtern um sich wirft, aber später mit Inbrunst die Rechte Schwarzer US Amerikaner verteidigt. Ganz schön irritierend, auch wenn es nur Schauspielkunst ist. Zumal mir leicht übel wird bei dem Gedanken, wie sich dieser Schauspieler so in seine Rolle einfügen würde. Säße er in seinem Wohnwagen am Set, würde er den Satz "Nigger,.." so lange vor dem Spiegel üben, bis er sich selbst vorkäme wie Detroit Red in den vierziger Jahren? Würde er Dialoge improvisieren und voller künstlerischer Ekstase darüber schwadronieren, wie es sich denn so anfühlt, "Schwarz und unterpriviligiert" zu sein?

Warum ich das erzähle? Mein erster Satz war gelogen. Gesagt hat es nicht Denzel, sondern der deutsche Synchronsprecher Randolf Kronberg. Kronberg ist 2007 verstorben und ich habe keine Ahnung, wie er sich auf seine Rolle vorbereitet hat. Ich gaube, Spike Lee weiß gar nicht, dass seine Filme in Deutschland synchronisiert werden. Nein, ich glaube, weder Spike Lee noch Alex Haley, der das Drehbuch geschrieben hat, noch Malcolm X himself hätten Interesse daran, dass in Deutschland weiße Synchronsprecher Sätze wie "Nigger, sag nie wieder in deinem Leben irgendwas gegen meine Mutter!" ins Mikrofon fluchen und Afrodeutschland gebannt vor den Bildschirmen mitfiebert, als predige Malik Shabazz persönlich. Gut, es ist vielleicht etwas ideologisch, aber - Verdammt, es geht um eine Ikone der Schwarzen Menschenrechtsbewegung; um Selbstbennenung und Befreiung! Wie wär's denn mal mit etwas Fingerspitzengefühl?

Ich erlaube mir mal, im Internet die Hosen runterzulassen. Mit 13 Jahren war mein absolutes Idol Der Prinz von Bel-Air. Meine Hosen waren bunte Ein-Mann-Zelte, meine Schirm-Mütze saß schief auf dem Kopf und wenn ich gut gelaunt war dann hab in "Slang" gesprochen. Und zwar in der selben quietschenden Tonlage eines Will Smiths, Eddie Murphys oder Theo Huxtables (lang lebe die Cosby Show!). Ich habe wahrscheinlich Sachen gesagt, wie "Boah, total verschärft!" oder... mir fällt kein blödsinniger Ausdruck mehr ein, aber Du weißt, was ich meine. Das war mein Schwarzes Deutsch; quasi Teil meiner Selbstfindung. Enorm wichtig in dem Alter. Das absolut perfide an der Sache ist aber: Das waren ja gar nicht Will Smith etc, die so sprachen, sondern Jan Odle, Leon Boden und eben besagter Randolf Kronberg. Angela Bassett war Anke Rietzenstein und die Ausdrucksweise, bzw. die deutsche Übersetzung von Ebonics, afrikanisch-amerikanischer Mundart  - war ausnahmslos erfunden. Ein Scherz weißer Synchronübersetzer. "Was kann Will denn heute sagen? - Lassen wir ihn doch mal was total Beklopptes sagen."

Mittlerweile passen meine Hosen, meine Mützen sitzen gerade und amerikanische Filme gucke ich grundsätzlich im Orginalton (und Malcolm X erst recht). Meist zum Leid meiner Mitbewohner oder Freunde, denen es zu anstrengend ist, einen ganzen Film auf Englisch zu sehen. Deutsch-synchronisierte Filme sind meist klitzekleine rassistische Arsendosen und irgendwann fühlen wir uns geborgen und sicher und kreischen: "Yo Baby, yo Baby, yo! Ey, hab ich denn die kranke Fernbedienung auf dem Scheißhaus gelassen? Wow!!Alter, Ich bin ja total abgefreakt drauf!" ...und Malcolm rotiert.

Ich bin kein Filmwissenschaftler, aber DU vielleicht. Ich würde mich freuen, wenn Du dieses Phänomen wissenschaftlich auseinandernehmen könntest.


Die Stimmen:


Jan Odle (* 1964, eigentlich Ian Kupferberg-Odle) ist ein US-amerikanischer, deutschsprachiger Synchronsprecher und Regisseur.
Odle übernahm als Synchronsprecher die deutsche Stimme vieler bekannter Schauspieler, darunter Will Smith in den meisten seiner Filme und der Serie Der Prinz von Bel Air.


Randolf Kronberg (* 23. September 1942 in Breslau; † 2. März 2007 in München; eigentlich Randolf Schmitt) war ein deutscher Schauspieler und Synchronsprecher. Zuletzt lebte er in München. Einem breiten Publikum ist Kronberg als die deutsche Stimme von Eddie Murphy bekannt geworden.


(Bild unter www.synchronkartei.de)



Denzel Washingtons deutscher Synchronsprecher ist Leon Boden. In Malcolm X wurde er von Randolf Kronberg synchronisiert.

(Bild unter http://extremniki.de)

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