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Donnerstag, 16. April 2015

"The Afropean Contemporary" - Ein afrofuturistisches Literaturmagazin





Philipp Khabo Koepsell über die Publikation:
The Afropean Contemporary ist ein Projekt, das in Eigenregie entstand. Wenn Sie mich fragen, was es ist, muss ich antworten: "Es ist eine afrofuturistische Publikation, ein 148-Seiten Buch (DIN A5), das vorgibt, ein Literaturmagazin zu sein." Inwieweit es das ist, liegt in Ihrem Ermessen.

Über die letzten Jahre habe ich mich intensiv mit Afrofuturismus beschäftigt und das Potential dieses Konzepts entdeckt. In der Essenz geht es darum, die stereotypen Vorstellungen einer Schwarzen Lebensrealität zu hinterfragen, gar auf den Kopf zu stellen. Nicht nur als Ausdruck kreativer Energie, nicht nur, weil neue, progressivere Darstellungen Schwarzen Lebens notwendig sind, sondern auch, weil es diese Vielfalt der Visionen und Lebensumstände schon immer gegeben hat. Wir sind nur zu sehr gewöhnt an eine bestimmte selektive Narrative, um diese Vielfalt zu sehen.

An vielen bisherigen afrofuturistischen Werken hat mich oftmals die Ästhetik gestört. Bilder von Sun Ra und Erykah Badu mit ausgefallenen Sonnenbrillen und Neon-Grafiken schienen mir zu oberflächig. Der Bezug zur Vergangenheit fehlte mir, denn für mich sind es die uns oft unbekannten phänomenalen Errungenschaften der Vergangenheit, die unserer Gegenwart bestimmen und uns neue Visionen für die Zukunft liefern können.

Wohl oder übel drängt sich hier der Schatten des Kolonialismus auf; sicherlich auch der Widerstand dagegen. Ich habe mich daran gesetzt, der Ästhetik des vergangenen Jahrhunderts eine afrozentrische, futuristische Note zu geben; irgendwo in der Kategorie "Steam- und Diesel Funk". Als Vorlage dienten die frühen, anti-kolonialen und kommunistischen Magazine, die zwischen 1908 und 1933 von Schwarzen Aktivist_innen in Deutschland produziert wurden, "Elolombé ya Kamerun" und "The Negro Worker" aus Hamburg. Das Buchdesign stammt aus zwei Jahren "Trial & Error"-Arbeit und ich bin froh (und fast verwundert), tatsächlich die Ästhetik erreicht zu haben, die mir vorschwebte.

Der Aufruf, Beiträge für ein so komplexes "Artsy-Fartsy-Projekt" zu bekommen gestaltete sich anfänglich schwierig, da es schwer ist, Leute für die Teilnahme an einer Konzeptarbeit zu gewinnen, für die es noch keinen Präzedenzfall gibt. Umso glücklicher bin ich, dass sich doch viele Kunst- und Literaturschaffende gefunden haben, die diese Vision nicht nur teilten, sondern sie mit ihren Beiträgen auch fundamental bereichert haben. Über diese grandiose Sammlung an Beiträgen könnte ich kaum glücklicher sein. Das Gesamtergebnis ist keine gefällige Anthologie, sondern eine spannende und durchaus provokante Meta-Narrative einer afrofuturistischen Welt; gespickt mit diversen Rubriken, Interviews, Leseproben, Poesie, Fotografie, Buchrezensionen und sogar Kontaktanzeigen. Einige Beiträge wurden unter Pseudonymen verfasst; einige sind so explizit, dass sie eigentlich nur für Erwachsene sind. Auch dies muss erwähnt sein.

Das Buch ist eine Herzensangelegenheit, die ohne Funding entstand (und ohne regulatorisches Verlagslektorat, das Massentauglichkeit und Kundenprofile im Sinn hat). Es ist ein "No Budget Projekt", dass in seiner Herstellung so aufwendig war, dass ein Verlag sich so etwas auch schlichtweg nicht leisten könnte. Darauf bin ich stolz. Meine Hoffnung ist, dass es Sie genauso begeistert, deshalb möchte ich Ihnen ans Herz legen, einen Blick in das Buch zu werfen und sich für eine Weile in diesem Universum zu verlieren. Haben Sie Spaß, werden Sie wütend, nachdenklich, ergriffen oder traurig, lassen Sie sich verblüffen oder einfach nur gut unterhalten.
 Das Buch ist online erhältlich unter: www.epubli.de/shop/buch/45094

The Afropean Contemporary
Literatur- und Gesellschaftsmagazin
Philipp Khabo Koepsell

Sprache: Deutsch
ISBN: 9783844283266
Format: DIN A5 hoch
Seiten: 148
Verlag: epubli, Berlin

The Afropean Contemporary auf Blogspot und Facebook.
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"beyond the imaginary. Wer nicht glaubt, dass es das gibt: im Afropean Contemporary wächst afrofuturistisches die_welt_auf_den_kopf_stellen_um_sie_besser_zu_sehen, über sich selbst hinaus. Jede Seite überrascht auf’s Neue, eine Idee ist imposanter als die andere. Ein Feuerwerk kritischer Denkens und kreativer Zukunft."

- Prof. Susan Arndt, Professor of English Studies and Anglophone Literatures at the University of Bayreuth.

“Taking the 1884/5 Berlin Conference, which initiated the colonial scramble for Africa, and Afrofuturism as its cosmic launch pads, The Afropean Contemporary beautifully mashes-up in word and image Black German cultural productions in history, sex work, poetics, graphics, music, theater, and film. The Afropean Contemporary retrofuturistically excavates the Black futures we have already lived within those Afro-pasts inaccessible through the tools of colonial history in order to free our minds and with the certainty that our asses will most definitely follow.”

- Alexander G. Weheliye, 
Professor of African American Studies/English, Director of Graduate Studies African American Studies, Northwestern University
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Dienstag, 22. Februar 2011

Deutschland lernt lieben - Kopfüber mit Anlauf

Wenn Sarrazin und Broder im Ausland Deutschland vertreten dürfen und Quatsch verbreiten können; über „was Deutschland ausmacht“ reden können, dann darf ich das auch! Ich habe die Dokumente, die mich nicht weniger dazu qualifizieren, ich nöle nicht rum, dass ich mir das Deutschland der 60er zurückwünsche, als die Erde noch eine Scheibe war, als alle noch „Ja, Massa, Deutschlande gutes Lande, ich arbeiten hart für Wiederaufbau“ antworten mussten. Ich bin ein überzeugter Fan der Zukunft; ich werde einen entscheidenden Teil meines Lebens in ihr verbringen.

Ich möchte Deutschland, verdammte Kacke, lieb haben dürfen! Ich möchte jubeln, wenn die Nationalmannschaft Tore schiesst und ich habe keinen Bock mehr, mir von anderen sagen zu lassen, in wie weit ich deutsch sein darf oder, ob ich gerade wieder von der historisch-politsch-sozial-medialen Norm abweiche. Ladies and Gentlemen, die patriotische Woche ist eröffnet! Ich freue mich diebisch auf die erste Aufführung der deutschen Nationalhymne türkischer Sprache. Ich möchte einen Gospelchor, ich möchte mein Deutschland! Einigkeit und Recht und so...
Ich lasse mir nicht sagen, Multikulti sei gescheitert, weil erstens niemand, der/die das behauptet überhaupt eine klare Vorstellung davon hat, wie erfolgreiches „Multikulti“ überhaupt aussieht, zweitens niemand weiß, was genau daran gescheitert ist, und drittens keine Sau eine Ahnung hat, wie nach einem „gescheiterten“, postapokalyptischen Multikulti überhaupt zu verfahren wäre. Das "Projekt" einstellen? Alles abbrechen, was im Entferntesten die Verbindung verschiedener kultureller Einflüsse propagiert?
Wenn die Deutschland dürfen, dann darf ich das auch! Und zwar ein besseres! Eins, das meine Aufmerksamkeit, mein Engagement verdient! Und ich werde es feiern! Sarrazins dürfen gerne die Zeitmaschine zurück in die späten 50er nehmen, in diesem Deutschland sind sie obsolet und vergangen und repräsentieren nicht mehr den Geist der Zeit. Ich liebe dieses Deutschland und werde im blinkenden Puff Daddy-Anzug gegen Angela Merkel antreten, wenn es sein muss. Audacity, Baby!


Deutschland lernt lieben 
kopfüber mit Anlauf
(re-claiming patriotism)

Dieses Deutschland lädt ein
zu neuem Stolz und Sorgfalt.
bemüht sich,
aus der Vergangenheit zu lernen
wie Schulmädchen und Jungen
für ein Leben miteinander.
Sankofa fängt sein Ei wider das Vergessen.
Dieses Deutschland versucht
nicht mehr
zu diskriminieren.

Und Deutschtum
erliegt dem konstanten Schwung der Verhandlung,
wie auch die Formation dem konstanten Wandel.
Mensch findet Heimat
im Staub unter den Sohlen. Diese Heimat spricht
in allen Dialekten, schmückt ihre Kleider und Häute
in allen Dialekten, in Menschen-Mosaik
ihre bunten, stolzen Leute. Bittet alle Teil von ihr,
der Vielfalt positiv zu wirken. Dieses Deutschland
begrüßt die Zukunft wie eine Jugendliebe,
hat Schmetterlinge im Bauch.

Dieses Deutschland vieler Religionen
versteht sich
beflügelt von Spiritualität;
bemüht, seine Familien 
intellektuell und spirituell zu nähren,
anstatt talkshowgeil
zu erkranken in den Nestern.
Dieses Deutschland lernt lieben -
kopfüber mit Anlauf.

Dieses Deutschland hilft allen Seelen in Not,
allen Tiergewordenen unabhängig von Herkunft
und Gefieder des Vogels auf dem Pass.
Dieses Deutschland erlaubt sich,
morgen schon ein Besseres zu sein
und kackt auf die Eliten und verändert nicht die Welt
und lässt sich hinterfragen.

Dieses Deutschland
bewirtet seine Fremden wie noch unbekannte Freunde,
feiert die Senioren, peitscht die nestflüchtige Jugend raus die Sonne zu umrunden,
tanzt den Pragmatismus im Staub der Paragraphen,
tanzt im Takt der Polyrhythmen Kapriolen - Sohlen blank. 
Land des Handwerks,
Land des Handels, nicht der Macht der Industrie, 
des Wandels,
der Erinnerung,
der Kraft
der Fantasie.

Dieses Deutschland
ist so cool. So stolz,
Teil von ihm zu sein!



picture source: http://images.zeit.de/studium/hochschule/2011-01/afrodeutsche-studie/afrodeutsche-studie-540x304.jpg

Samstag, 20. November 2010

Deutschland, Take It Down a Notch!

Nein. Hier hört es auf.
Ich habe gerade bei Critical Witness einen Gedanken zum Thema "Terrorwarnung" gelesen und bin dem Link gefolgt. Manche Nachrichten gehen momentan einfach an mir vorbei.
Also: An Berlins größter Moschee hat es zum vierten mal in sechs Monaten gebrannt. Immer an der selben Stelle. Eine am Tatort gefundene Propangasflasche ist - alhamdulillah - nicht explodiert.
Du kannst mir alles erzählen, aber Brandanschläge auf Gotteshäuser ist nun mal so "Nazi", dass es offensichtlicher nicht sein kann. Wenn ich die Kommentare auf den Seiten diverser Online-Zeitungen richtig deute, dann gibt eine nicht so kleine Anzahl von Menschen, die diesen Anschlag tatsächlich befürwortet. Wie krank kann diese Welt denn sein?
Ich frage mich,
ist es Sarrazins Schuld, wenn irrgeleitete Mehrheitsdeutsche sich dermaßen ideologisch unterstützt fühlen, dass sie es für gesellschaftlich legitim halten, Moscheen anzuzünden? Wie viel Einfluss haben die populistischen Ausfälle eines Seehofers auf die Ressentiments der christlich-solzialisierten, weißen deutschen Mehrheit gegenüber deutschen Muslimen?
Wie viel Verantwortung sollten Autoren und Politiker heutzutage übernehmen? Ist es für die Architekten der 2010er Islamfeindlichkeit tatsächlich möglich, die Verantwortung auf das gewalttätige Individuum zu schieben? Wenn es nicht in deren Interesse ist, dass Deutschland von testosterongeladener Progromstimmung erfasst wird, sollten sie nicht handeln? Sollten sie nicht zumindest den Hinweis mitliefern, dass Ihre Thesen und Vorschläge keinen Aufruf zur Gewalt darstellen? Dass jegliche Gewalt gegenüber den von ihnen markierten "Scape goats" nicht erwünscht und nicht tolerierbar sei? Wäre diese Positionierung bereits so schizophren, dass ihr Ego dies nicht zulässt? Was muss denn noch passieren, damit Deutschland bemerkt in welche Richtung es wieder steuert?
- Brandanschlag auf Moschee? Check!
- Rassistisch-motivierter Mord an Deutsch-Iraner auf offener Straße? Check!
- Mord an Deutsch-ägyptischer Mutter in Gerichtsaal? Check!
- Politiker, die private Sanktionen wie "Handyverbot" für mutmaßliche "Islamisten" vorschlagen? Check!
- Rechtslastige, populäre Internetforen, die Namen und Adressen kritischer Menschen im Netz veröffentlichen? Check!
- Selbstgerechte Pfeifen, die all das bagatellisieren? Check!

Wann wird der erste Politiker auf das Einführen gelber Filz-Halbmonde kommen und es für eine schlaue Idee halten?
[Raunen im Publikum, "Na, jetzt mal halblang, Bursche..."]
Ehrlich, hinsichtlich undenkbar idiotischer und rassistischer Gespensterdebatten, die nicht groß anders sind als die "das Boot ist voll" und  "Deutschland vernegert" -Sprüche der frühen 90er, frage ich mich wie weit wir weg sind von echten Nazi-Anleihen. Oder zumindest von versuchten Nazi-Anleihen, denn 'Schland wird ja doch immer noch argwöhnisch von Aussen beobachtet. Merkels sinnfreier Kommentar "Multikulti ist gescheitert" ist ja nun auch in der letzten Ecke der Welt rezipiert worden und wird dort feinsäuberlich im Ordner  "Germanische Identitätskrise" archiviert.

"Germany, take it down a notch!"
Der Komiker und Moderator der Polit-Satire The Daily Show, Jon Stewart, hat vor kurzer Zeit zu einer Protestkundgebung names "Rally to Restore Sanity" aufgerufen, um einen gesellschaftlichen Schritt zurück zur Normalität zu wagen. Grund dafür waren die extremen und teils militanten Kampagnen der neuen Konservativen hinsichtlich Präsident Obama und der medialen Darstellung muslimischer Menschen in US-Amerika. Wir erinnern uns an die geplante Koran-Verbrennung. Stewarts Kampfsprüche für liberale Wechselgeldzähler  "Take It Down a Notch, America!" und "I Disagree With You, But I'm Pretty Sure You're Not Hitler" sind satirische und dennoch ernsthafte Aufrufe eine mögliche Eskalation symbolischer und physischer Gewalt zu vermeiden. Lustig, ja; Aber halt auch durchaus ernst gemeint.
Dieses Konzept sollte auch auf Deutschland übertragen werden. Kaum schneidet Schland ein paar mal ganz gut in der WM ab, werden alle wieder deutschtümlich und werfen mit Stammtischparolen und sarkastisch instrumentalisierenden "Integrations-Bambis" um sich.

In diesem Sinne möchte ich sagen: Liebes Deutschland, es reicht jetzt! Setzt Euch wieder hin und baut schicke Autos! Setzt Euch für alternative Energien ein und seit nett zu einander! Lasst den Nationalismus in den Memoiren der Urgroßeltern und fokussiert die Zukunft. Vor allem: Steht der Zukunft nicht im Weg. Ja, es wird nun mal Multikulti werden. Der Islam wird integraler Teil der deutschen Religionstapete. People of Color sind und werden einen großen Teil der Bevölkerung ausmachen. Und das beste daran, liebe "Mehrheitsdeutsche", es ist gar nicht schlimm! Es wird nicht wehtun. Vielleicht wird Euer Ego ein, zwei Jährchen geknickt sein, weil Ihr nicht mehr die ganze Definitionshoheit besitzt, weil Ihr vielleicht nicht jeden Gassenhauer mitgrölen könnt, aber - glaubt mir - es wird voll okay sein. Integration handelt von der aktiven Akzeptanz einer heterogenen Gesellschaft. Let's go then! Es wird schön werden!



Freitag, 29. Oktober 2010

"The Dancer Must be Mad!" / Warum gegen Rassismus schreiben?

"Lass doch die Kirche im Dorf." Also gut: Warum sollte es nötig sein im Jahre 2010, in Deutschland, in der EU, Rassismus anzuprangern? Einen Gedichtband darüber zu schreiben? Zu bloggen, zu performen, zu singen, zu rappen?
Vielleicht, weil irgendein Verrückter in Malmö mit einem Gewehr Jagd auf Migranten macht. Vielleicht, weil ein Jahr nachdem Marwa El-Sherbini in einem Dresdener Gerichtssaal erstochen wurde, ein weiterer Ägypter (bzw. Deutsch-Ägypter-Iraker) aus rassistischen Motiven in Leibzig niedergestochen wurde. Vielleicht, weil Sarrazins Thesen ein erneutes Aufflammen rassistischer Rhetorik hervorrufen und People of Colour™ wieder dumm auf der Straße angepöbelt werden dürfen. Vielleicht auch einfach, weil die Information, dass Migranten und deutsche "Bindestrich-Identitäten" mündige Bürger sind, die nicht fremdbestimmt werden möchten - dass diese Info - anscheinend immer noch nicht durchgesickert ist.

Those who can't hear the music think the dancer is mad. (Glückskeksweisheit/Anon.)

Ich verstehe sehr gut, dass Menschen, die in Deutschland überhaupt keinem Rassismus ausgesetzt sind, jegliche Diskussionen über dieses Thema als "Hobby" verstehen und von einer intensiven Auseinandersetzung irritiert sind ("Deutschenfeindlichkeit" ist kein Rassismus, Frau Schröder). "Hobby" ist allerdings etwas anderes als das tatsächliche Leben mit Rassismus. Ich wünschte mir auch, ich könnte dieses Thema auspacken, wann mir danach zumute ist und es einpacken, wenn die Sonne den Horizont streift. So geht es aber nicht. Mein Leben richtet sich danach. Nicht, weil es so viel schönen Gesprächsstoff für Partys liefert sondern, weil mein körperliches und seelisches Wohl davon abhängt. Und zwar täglich.
Es bestimmt mit welchen Menschen ich reden kann (ohne ständig meine Existenz rechtfertigen/ erklären zu müssen), in welchen Zug ich steige (ohne auf dem Weg nach Elsterwerda feindseeligen Blicken ausgesetzt sein zu müssen), welches Fernsehprogramm ich schaue (ohne meinesgleichen als dummen, gewalttätigen, sexsüchtigen Primitivling portraitiert sehen zu müssen), welche Stadt ich besuche, wie ich mich in dieser Stadt, um welche Uhrzeit, welchen Menschen gegenüber zu verhalten habe, welchen Job ich annehme, wann ich rede und wann ich lieber die Klappe halte; Es bestimmt, wie ich meine Identität verhandele und wie ich meine Zukunft plane.

There are too many idiots in this world. And having said it I have the burden of proving it. (F. Fanon)

Ich beobachte, dass viele konservative "Mehrheitsdeutsche" in eine Art Schreckstarre verfallen, wenn sie mit einer Narration konfrontiert werden, in der sie nicht mehr über die alte Definitionsmacht verfügen und, in der die "Anderen" eine ganz eigene Sicht der deutschen Zustände beschreiben. Verzweifelt wird versucht, eine Balance der Argumente herzustellen, die zumindest den Anschein erwecken könnte, als redeten wir einfach aneinander vorbei.  Diese Narration ist kein Missverständnis, es ist ein Paradigmenwechsel. Einer, der in UK, USA und SA schon Jahre auf dem Buckel hat, hierzulande aber noch als futuristisch gilt. Schland braucht einfach immer ein paar Jahre länger, um zu verstehen, dass es in keinem diskursiven Vakuum schwebt.
Die Zukunft ist eine großartige Konstante; du kannst Dich wie Sarrazin und Seehofer mit vollem Körpereinsatz gegen den Strom werfen, aber stoppen kannst Du den Fluß nicht. Diejenigen, die sich allerdings treiben lassen; die sperrigen Äste aus dem Weg biegen und anderen aus den Turbulenzen helfen werden in Seelenruhe ihren Platz finden.

Futuristically speaking... Never be afraid!
(Yo Majesty)



Sonntag, 17. Oktober 2010

"Irgendwas Relevantes" Raus! / Thoughts on Nosliw

"Nazis raus!" brüllen hilft nicht mehr. Vor zehn Jahren war das alles anders. Da hatten wir gerade die 90er überstanden. Mit Lichterketten, Batik-Tüchern, Tribal Techno und Multikulti-Romantik. Und, ja: Es gab sie noch, in Springerstiefeln und Bomberjacken; und sie haben Menschen zu Tode geprügelt und aus Zügen geworfen. Und was anderes konnten wir sagen, wir, die geschockt und empört und verängstigt und vielleicht einfach nur wütend diesen Gefühlen Worte verleihen wollten? Nazis raus! (Niemand ist damals auf die Fragen "woraus und wohin eigentlich" gekommen).
Aber heute sollten wir mal die Inventarliste abgleichen: Rechtsextreme? Check! Steineschmeisser? Check! Dumpfe politische Mitte? Check!
Nazis: Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sich irgendjemand, egal wie radikal oder bescheuert, ernsthaft als "Nazi" bezeichnet. Genauso wenig wie es bekennende Rassisten gibt. Rechte Jugendkultur ist mittlerweile genau das - eine Jugendkultur. Hauptsächlich ansässig in Ostdeutschland und in der Regel überall da, wo's keine Arbeit und paradoxerweise auch keine POCs gibt. Darüber brauchen wir nicht streiten: Ostdeutsche Jugend ist, abgesehen von West-Berlin, einfach rechtslastig. Das ist aber gar nicht unser Problem. Als "Bindestrich-Deutsche" wissen wir, dass Rechtsextreme scheiße sind, die finden uns ja auch scheiße. Keine große Sache. Gefährlich schon, aber das wußten wir halt schon seit den 90ern.

Problematisch hingegen ist die ideologisch Linke und die matschige Mitte. Schon mal versucht einen weißen, dreadgelockten Linken davon zu überzeugen, dass Ethno-Clash Outfits kolonialrassistische Stereotype reproduzieren? Ganz schwer! Und die liberalen Gutmenschen? Und die Nachbarn? Und die nette Tante an der Kasse? Fangen wir erst gar nicht an. Dazu gibt es dutzende tolle Bücher, die ich gar nicht mehr aufzählen kann. Wenn Du nicht aus Neugier oder Versehen auf diesem Blog gelandet bist, dann wirst Du sie ja eh alle kennen.

Wie wär's denn mit "Sarrazins raus!", oder "Banker raus!", oder etwas Klassisches: "Ausländerbehörden-Schreibtischtanten raus!", "Unreflektierte Journalist_innen raus aus der TAZ!"? Ich weiß es doch auch nicht. "Batik-Muttis raus aus dem Trommelkurs!" Lasst Euch was einfallen, aber verschwendet nicht Eure Energie für Messages, die eh keinen mehr vom Hocker hauen. Sorry Nosliw, der Zeitgeist verlangt gerade mehr Kreativität und vor allem ernsthafte Auseinandersetzung. Die Mucke ist trotzdem ...tanzbar.

Freitag, 23. April 2010

Politische Poesie

Politische Poesie
kann nicht sein was es ist
Ist Kuckuckskind
über jede Form erhaben
laut und unzufrieden oder
lauten Auges zum Bersten still
furchtlos vor den Geistern
den Bauch reibend, als wüsste es:
Was lange gährt
wird endlich Wut.

HEADS I WIN - TAILS YOU LOSE!

Heads I win - tails you lose! (So etwas wie eine Warnung).

Dies ist eine Warnung. Nein, dies sind natürlich nur Pixel auf dem Bildschirm, unspektakulär nach meinem Gutdünken angeordnet, aber sie könnten eine Warnung sein. Sie könnte lauten: Sollten Menschen mit Rassismuserfahrungen Sie einer rassistischen Entgleisung bezichtigen, stellen Sie unverzüglich ein, was auch immer sie tun. Sollten Sie sich weigern wird Sie die Geschichte als ewig gestriges Rumpelstilzchen, als obsoletes Überbleibsel weißer Dominanzkultur verewigen. Yup, Karrikieren, das kann die Geschichte sehr gut. Ich verstehe, dass dies nicht in Ihrem Interesse wäre. Mein Rat: Verschanzen Sie sich nicht hinter Ihrer vermeintlichen Definitionshoheit;  Sie müssen nicht immer recht haben. Kämpfen Sie nicht gegen an, sie werden verlieren!

Dies ist eine Warnung. Hierbei ist es egal welche Institution Sie vertreten. Das globale Netz kennt kein Mitleid. Lassen Sie mich ausführen: Entweder ich klopfe persönlich an Ihrer Haustür und teile Ihnen meinen Ärger mit, über - was auch immer Sie wieder angerichtet haben, oder ich lehne mich bräsig zurück und warte darauf, dass Sie (als Quasi-Repräsentant deutscher Unternehmen/Medien/Wissenschaften/Künste/Regierungsorgane) auf internationalem Parkett bloß gestellt werden. Klingt übertrieben? Wollen Sie sich vielleicht mal googlen? Dank Internet 2.0 dauert es lediglich zwei Minuten bis mein Anliegen über Ihren Kackverein im Netz ist und Menschen in den USA, Südkorea und Burkina Faso sich darüber austauschen können, warum zur Hölle es immer noch so dreiste Institutionen wie die Ihrige gibt. Ja, und Ihr Chef liest das ganze auch. Versprochen. So einfach ist das.

Dies ist eine Warnung. Diversity, Critical Whiteness und Antirassismusarbeit werden in der Zukunft unabdingbare Elemente der Gesellschaftsanalyse sein. Das ist ein selbstreinigender Prozess: Verbissene Vertreter weißer Dominanzkultur werden zwangsläufig von der großen Bühne verbannt werden, weil ihre Ansichten im globalen Rampenlicht nicht mehr zur Repräsentation deutscher Institutionen herhalten können. Ja, Ihrer Institution. Ihr Job. Schliesslich sagt ja sogar Südkorea, dass Ihre letzte Aktion Müll war. Sie können mir folgen? Internationale Zeigefinger werden immer länger und pieken Ihnen irgendwann im Gesicht herum. Warum, frage ich Sie, sollten dann gerade Sie die Person sein, deren Vertrag nächsten Winter verlängert wird/ die den Lehrstuhl bekommt/ die Beförderung/ die Gelder von der Stiftung/etc?

Dies ist eine Warnung. Ich weiß wie abgedroschen es klingt: Kooperieren Sie mit der Zukunft, oder warten Sie, dass die Geschichte sich eine Meinung bildet. Ich bitte Sie nicht drum. Ich wollt's nur mal erwähnt haben.

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